Wut = gut?

Wut/Ärger will keiner, oder?

Die meisten von uns haben keine gute Beziehung zu dem Grundgefühl Ärger. Wahrscheinlich wegen unzähliger negativer Beispiele aus der Vergangenheit. Vielleicht ein cholerischer Vater, eine jähzornige Mutter, ein Geschwister, das uns wehgetan hat in seinem Zorn… Oder wenn wir als Kind selbst wütend waren, wurden wir zur Vernunft gemahnt oder sogar bestraft für unser Gefühl.

Wurdest du vielleicht auch in dein Zimmer geschickt, wenn du dich über etwas aufgeregt hast und solltest erst wieder rauskommen, wenn du „normal“ geworden bist?

Durch all diese Erfahrungen haben wir gelernt: Wut ist schlecht.

Aber ist sie das wirklich?

Ich sage: nein.

Wut/Ärger ist eines unserer vier Grundgefühle (Ärger, Angst, Trauer, Freude). Und als solches in jedem von uns vorhanden. Jedes dieser Gefühle hat seine Daseinsberechtigung. Aber jedes dieser Gefühle hat wie eine Medaille auch zwei Seiten, eine neurotische und eine erwachsene.

Das, was wir als Kinder oft vom Ärger gesehen und gespürt haben (manchmal auch körperlich), ist die neurotische, unerlöste Seite. Wutausbrüche, Herumschreien, körperliche Gewalt, Dinge zerstören, Toben, Strafen, Ignorieren sind kein guter Umgang mit der Wut.

Da wir als Kinder unsere Bezugspersonen für Gott halten, glauben wir, so wie die sich verhalten ist es normal und richtig. Da diese Ausbrüche uns aber seelischen und körperlichen Schmerz zugefügt haben, wollen wir das natürlich nicht wiederholen. Heißt, wir lernen, uns so zu verhalten, dass die anderen nicht wütend werden (People Pleasing, Unsichtbarmachen) und wir negieren die Wut bei uns selbst. Denn so wollen wir später auf gar keinen Fall werden.

Oder wir können unsere Wut nicht handeln und werden genauso cholerisch, schlagen unsere Kinder oder schreien unseren Partner an.

Da wir nie gelernt haben, wie wir mit diesem Gefühl adäquat umgehen können, unterdrücken wir es, halten die Energie unten oder verletzen uns selbst immer wieder (Autoaggression). Das kostet enorm viel Energie und macht auf Dauer krank (Bluthochdruck, Diabetes, Essstörungen, Klassiker: Magengeschwür, etc.). Hast du schon mal versucht, einen mit Luft gefüllten Ballon unter Wasser zu drücken? Echt anstrengend, so ähnlich kann man sich das mit der Wut vorstellen. Ich zitiere an der Stelle auch immer wieder gerne eine meiner Ausbilderinnen zum Thema lange unterdrückte Wut = Groll: Stell dir ein frisches Stück Käsesahnetorte vor – sehr lecker. Stell die Torte 1-2 Tage in den Kühlschrank – schmeckt noch ganz gut aber nicht mehr so mega. Vergiss die Torte im Kühlschrank und schau nach einer Woche wieder nach – wir wollen das jetzt nicht vertiefen, aber der Klumpen schmeckt sicher nicht mehr und bewegt sich sogar unter Umständen – bäh. So verhält es sich auch mit nicht ausgedrückter Wut, sie wird zu Dauergroll im Magen und entwickelt ein Eigenleben.

Wusstest du, dass Depressionen oft durch unterdrückte, nicht ausgelebte Wut entstehen? Weil die Energie nicht raus darf, wird sie eben nach unten gedrückt (De-pression = Unter-drückung).

Aber wie sieht denn nun die andere Seite der Medaille aus?

Wie gesagt, hat Wut genauso ihre Daseinsberechtigung wie die anderen drei Grundgefühle (dazu in extra Beiträgen mehr). Der Ärger meldet sich, wenn unsere Grenzen verletzt werden, wenn wir angegriffen werden, ungerecht behandelt werden etc.

Aus der Historie heraus war Wut sogar sehr wichtig. Denn ein wütender Gegner ist sofort von außen zu erkennen (Mimik, Gestik, Körperhaltung) und verhindert im besten Fall sogar eine körperliche Auseinandersetzung, weil der Angreifer Respekt bekommt. Wenn wir unsere Wut nicht zeigen, überrollt uns jeder D-Zug und jeder latscht uns ins Gemüsebeet, mit uns kann man’s ja machen.

Mit einem guten Zugang zu unserem Ärger können wir:

  • deutliche Grenzen setzen, die respektiert werden
  • Entscheidungen treffen ohne rumzueiern
  • Klar ja oder nein sagen, Verlässlichkeit ausstrahlen
  • unsere Kraft und Stärke spüren
  • Schwächere beschützen, Vorreiter und Anker sein

Und das alles muss nicht laut und gewaltvoll passieren. Wenn du die klare innere Haltung hast, wird man dich respektieren.

Der Archetyp des Ärgers ist der Krieger/die Kriegerin (nach C.G. Jung). Damit ist kein wild um sich schlagender Amokläufer oder Ego-Shooter gemeint, sondern ein Krieger des Lichts. Er zähmt zunächst sein inneres Feuer, seine Aggression, um sie dann zielgerichtet einzusetzen. Vergleichbar mit einem Samurai, trainierte Kampfbereitschaft (innere Haltung), nicht um des Kampfes Willen, sondern um einzuschreiten wenn es geboten ist. Er geht voran um Schwache zu beschützen, führt sein Schwert gewaltlos aber klar und zeigt den Weg an, trifft Entscheidungen zum Wohle aller. Der Krieger schaut nicht weg, Zivilcourage z.B. ist eine typische Kriegereigenschaft.

Fazit: Wut ist ein natürlicher Teil von uns und hat ihre Berechtigung. Sie zu unterdrücken macht krank. Wir dürfen lernen, erwachsen mit ihr umzugehen und ihre Kraft zu nutzen, um die Welt zum Positiven zu verändern. Dazu müssen wir zunächst durchschauen, welche Konditionierung wir haben zum Ärger und diese auflösen. Wurde Wut immer unterdrückt, können wir lernen, sie wahrzunehmen und auszudrücken. Platzt sie eher unkontrolliert aus uns heraus, geht es darum, zu lernen, erwachsen und konstruktiv statt destruktiv mit der Energie umzugehen.

Zum allgemeinen Thema Gefühle/Emotionen allgemein geht’s hier.

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