Fight, Flight, Freeze

Instinktive Reaktionen wie Fight, Flight oder Freeze laufen automatisch ab. Unsere Vorfahren hatten keine Zeit zu verlieren wenn der Säbelzahntiger vor ihnen stand. Da gab es kein Nachdenken, Diskutieren mit anderen, Abwägen oder Kuscheln – es ging um Leben oder Tod. Das autonome Nervensystem stellte in Sekundenbruchteilen alles bereit an Hormonen und Power was nötig war, um entweder zu kämpfen, zu fliehen oder sich totzustellen (beim Säbelzahntiger wahrscheinlich nicht die beste Wahl).

Wie entstehen Fight, Flight und Freeze?

Gehirn dreigeteilt

Unser Gehirn ist dreiteilig: (BILD)

  • Stammhirn (Reptiliengehirn), der evolutionär älteste Teil des Gehirns. Hier sind Instinkte und automatische impulsive Reaktionen auf Gefahr (Kampf, Flucht, Erstarrung) abgespeichert.
  • Zwischenhirn (Limbisches System; Säugerhirn), steuert Emotionen und Sozialverhalten.
  • Grosshirn (Neokortex), der evolutionär jüngste Teil. Reguliert Denken, Sprache, Zeiterleben, Entscheidungen.

Wenn wir in Situationen geraten, die emotional überfordernd sind (s. Trauma und seine Folgen), wäre es hilfreich, wenn wir zunächst im Neokortex sachlich über die Situation nachdenken würden, zu einer Entscheidung kommen und dann evtl. aus dem Limbischen System heraus die Nähe anderer Menschen suchen und uns co-regulieren lassen würden.

Fakt ist aber, bei Stress (und Trigger von alten Traumata ist Stress) setzen Gross- und Zwischenhirn aus und das Reptilienhirn übernimmt. Wenn wir getriggert werden, passiert ein flashback. Unser System erinnert sich an alte Situationen und die damit verbundenen Gefühle, Körperreaktionen und Gedanken. Es löst die gleiche Überforderung aus wie damals, unser System reagiert mit der gleichen Überlebensstrategie.

Insbesondere für kleine Kinder können sich viele Situationen die sie nicht kennen bedrohlich anfühlen (Säbelzahntiger!). Wenn nun also keine erwachsene Person zur Stelle ist, die das Kind co-reguliert (s. Traumaarten/Bindungstrauma) oder sogar die Bezugsperson die Situation auslöst (gewalttätige Eltern) muss das Kind alleine mit der Situation umgehen. Das Reptiliengehirn übernimmt, das unausgereifte Nervensystem des Kindes reagiert mit Kampf, Flucht oder Erstarrung. Hat das Kind mit der Strategie die Situation überlebt, wird es künftig bei ähnlichen Situationen die gleiche Strategie anwenden um wieder zu überleben. Vielleicht erlernt es die Strategie aber auch von seinen Bezugspersonen. Wenn ein Kind z.B. beobachtet, dass die Mutter immer wieder vor dem gewalttätigen Vater flieht, wird es wahrscheinlich auch eher zur Flucht tendieren. Und schon ist die Traumafolgereaktion manifestiert.

Wollen wir uns die einzelnen Strategien etwas genauer anschauen:

  1. Fight: der Körper wird mobilisiert (Sympathikus), Adrenalin wird ausgeschüttet, Herzschlag und Atemfrequenz steigen. Typische Verhaltensmuster von „Kämpfertypen“ sind: Kontrollzwang, Machtverhalten, Lästern, nicht lange fackeln, Angriffsmodus, Narzissmus.
  2. Flight: ebenfalls aktiviert (Sympathikus), der mobilisierte Körper wird zur Flucht genutzt. Typisches Fluchtverhalten: Perfektionismus, workaholic, Vermeiden/Lügen, Süchte.
  3. Freeze: Innerlich im roten Drehzahlbereich, aber äußerlich erstarrt (aktiver Sympathikus = Gaspedal wird vom Parasympathikus = Bremse in Schach gehalten). Typisches Verhalten: Prokrastinieren, Entscheidungen vermeiden, Extrem-Insta-scrolling oder Netflixing
  4. Fawn: People Pleasing, Harmoniesucht, extreme Selbstkritik, keinen Zugang zu Wut und eigenen Bedürfnissen (hierzu gibt es einen extra Beitrag).


    Je nachdem, welche unsere Lieblingsstrategie ist, wenden wir diese instinktiv zuerst an in emotional herausfordernden Situationen. Wir müssen nicht darüber nachdenken, es passiert automatisch (Reptiliengehirn übernimmt). Denn unser System hat die Strategie als am erfolgversprechendsten abgespeichert.

Wie sehen Fight, Flight, Freeze und Fawn konkret aus?

Das Verhalten kann je nach Typus in der gleichen Situation völlig unterschiedlich aussehen.

Beispiel: Wir begegnen auf der Straße unserem Ex-Partner, die Trennung war dramatisch, er hat uns betrogen.

Fight: Wir gehen auf ihn zu, sagen ihm wütend ins Gesicht, was wir von ihm halten und fordern endlich das Geld, das er uns noch schuldet.

Flight: Panik steigt auf, wir wechseln die Straßenseite und hoffen, dass er uns nicht sieht.

Freeze: Wir bleiben stehen, das Lächeln friert uns im Gesicht ein und wir warten, was passiert und hoffen, dass es schnell vorüber ist.

Fawn: Wir fragen ihn, wie es ihm geht, was seine neue Freundin macht (mit der er uns betrogen hat!) und ob wir ihm seine restlichen Klamotten vorbeibringen sollen.

Na, erkennt ihr euch irgendwo wieder? 😊

Falls ihr jetzt denkt: cool, ich bin der Kämpfertyp, nicht so schwach wie…. den Zahn muss ich euch leider ziehen. Die eine Strategie ist nicht besser als die andere. Kontrollzwang ist kein gesunder Zugang zum Ärger. Wut wahrzunehmen ist wichtig, Grenzen setzen ist wichtig… aber die hier genannten Strategien sind nicht bewusst steuerbar, wir haben keine „Wahl“. Ein gesunder Zugang zu seinen Gefühlen beinhaltet immer, die Wahl zu haben, wie man reagiert.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ich komme auch aus der Fraktion „Fight“. Der kleine Rebell in mir hat mich als Kind überleben lassen damit. Zugegebenermaßen habe ich einen guten Zugang zu meinem Ärger und kann gut Grenzen setzen. Aber… immer alles kontrollieren zu müssen, weil sonst etwas Schlimmes passiert ist ziemlich unfrei und vor allem unentspannt.

Was machen wir jetzt mit der Erkenntnis?

Die einzige Aufgabe unseres ANS (autonomen Nervensystems) ist es, uns in Sicherheit zu bringen. Wir könnten also in Stresssituationen nach Co-Regulation suchen im Außen. Wenn das nicht möglich ist, weil die passenden Menschen nicht greifbar sind oder wir durch unser Bindungstrauma kein Vertrauen haben in andere Menschen, ist die einzige Lösung, zu lernen, wie wir uns selbst besser regulieren können.

Da der Schlüssel zum Trauma im Stammhirn liegt, bringt drüber reden alleine nichts (Neocortex). Deshalb begeben wir uns im traumasensiblen Coaching auf die Ebene der Emotionen und des Körpers und arbeiten mit Co-Regulation. Das System wird quasi durch neue Erfahrungen langsam umprogrammiert. Das Trauma dauert schon Jahrzehnte, ergo braucht es Geduld mit dir selbst.

Wenn du Hilfe möchtest, melde dich gerne bei mir.

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