Trauma und seine Folgen

Was ist eigentlich ein Trauma?

Ein Ereignis, das einmalig (Typ-I-Trauma) oder wiederholt (Typ-II-Trauma) zu schnell, zu viel und zu plötzlich über uns hereinbricht, so dass unser Nervensystem es nicht bewältigen kann. Wenn wir dann keine Möglichkeit haben, uns zu co-regulieren über andere Personen (siehe Bindungstrauma), dann erfindet unser Nervensystem aus der Überforderung heraus Strategien, um mit der Situation fertig zu werden (trauma response = Traumafolgereaktion, die das Überleben sichert). Aber dazu später mehr.

Eine „gesunde“ Reaktion auf emotionale Überforderung wäre, sich Hilfe zu suchen, um Hilfe zu bitten (Co-Regulation). Solange du in deinem Window of Tolerance bist und als Kind sichere Bindungserfahrung gemacht hast, ist das die beste Option, wenn du es selbst nicht mehr halten kannst. Mit Bindungstrauma (s.u.) eher nicht… Weil dein Nervensystem das nicht als sicher einstuft (war es ja früher nicht).

Deshalb ein Apell an alle Eltern: Wenn dein Kind emotional überfordert ist, SCHICK ES NICHT WEG! Egal, ob du die Emotion gerade nachvollziehen kannst oder gut findest: das Kind braucht dich zum Co-regulieren.

Welche Arten von Traumata gibt es?

Es muss gar nicht immer gleich die „große Katastrohe“ sein, die ein Trauma auslöst.

  • Schocktrauma: Darunter versteht man ein einzelnes (Typ-I), belastendes Ereignis, das überwältigend ist und keinerlei Möglichkeiten bietet, mit der Situation umzugehen. Beispiele hierfür: Unfälle, Gewalt, plötzliche Trennungen, Scheidungen, Abtreibung (auch wenn die Frau sich selbst dazu entschieden hat).
  • Sekundärtrauma: Personen, die Zeugen von traumatischen Ereignissen (Typ-I) anderer werden, z.B. Notärzte, Polizisten, Feuerwehrleute, zufällige Zeugen von Gewalt oder anderen furchtbaren Ereignissen.
  • Kollektivtrauma (oder Sozialtrauma): ein traumatisches Ereignis, das viele Menschen betrifft und eine breite, soziale Auswirkung hat. B. Zugunglücke, Terroranschläge,  Kriege oder Pandemien (ja, auch Corona mit allen Auswirkungen gehört dazu).
  • Transgenerationales Trauma: Traumata, die sich über Generationen hinziehen, die durch „Ahnenverträge“ unbewusst weitergeführt werden. Z.B. reagieren Menschen (unsere Eltern und Großeltern), die den Krieg erlebt haben, oft mit Verdrängung oder Abspaltung. Eine Folge davon war, dass sie häufig für ihre Kinder nicht sehr empathisch waren. Ein Fahrradsturz ist nun mal nicht so schlimm wie ein Fliegerangriff. Was wiederum bei den Kindern Abspaltung von den eigenen Gefühlen auslöst.
  • Beziehungstrauma: tiefe und alte Traumatisierungen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (Typ-II). Da wir als kleine Kinder noch kein vollständig ausgebildetes Nervensystem haben, sind wir auf unsere erwachsenen Bezugspersonen angewiesen, dass diese uns co-regulieren. Dass uns also z.B. die Mutter in den Arm nimmt wenn wir Angst haben und uns Sicherheit gibt. Oder der Vater verständnisvoll da bleibt wenn wir wütend sind und uns Wege zeigt, wie wir unseren Ärger konstruktiv in Kraft wandeln können, wie wir Neinsagen lernen.

    Zu wenig Kontakt, Nähe, Schutz, Fürsorge lassen uns hilflos alleine mit unseren überwältigenden Gefühlen. Es kann sein, dass wir eine Mutter hatten, die selbst viel Angst hatte oder keine Zeit. Oder die uns stundenlang hat schreien lassen, weil sie glaubte, Kinder darf man nicht verwöhnen. Oder sie war depressiv oder narzisstisch. Weil wir in unserer Kindheit diesen belastenden Situationen nicht entfliehen konnten, bildete unser Nervensystem Überlebensstrategien (trauma response) aus.

Traumfolgereaktionen (=trauma response)​

Welche Überlebensstrategien lässt sich das menschliche Nervensystem so einfallen (gibt es übrigens auch in der Tierwelt)?

Schon in der Steinzeit reagierten die Menschen auf Gefahr mit Kampf oder Flucht. Das ist beim Angriff des Säbelzahntigers auch sicher angebracht. Als Reaktion auf ein emotionales Ereignis im Säuglings- oder Kleinkindalter entwickeln wir ähnliche Muster, weil die Situation uns überfordert. Es fühlt sich an wie ein Säbelzahntiger.

Fight, Flight und Freeze werden vom Sympathikus (Teil des autonomen Nervensystems) gesteuert. Bei Gefahr wird sehr viel Energie vom Körper zur Verfügung gestellt, die für Flucht oder Kampf genutzt werden kann. Herzschlag und Atmung steigen, der Körper wird mobilisiert. Wenn Kampf oder Flucht nicht mehr möglich sind, weil wir überwältigt werden, setzt der Erstarrungsreflex (freeze) ein. Dieser ist oft verbunden mit einem Gefühl der Loslösung vom eigenen Körper und von Gefühlen. Es ist immer noch sehr viel Spannung und Erregung im Körper, auch wenn man diese nicht durch Kampf oder Flucht ausagiert. Man ist quasi in der Mobilisierung eingefroren, ein Fuß auf dem Gaspedal einer auf der Bremse. Wie das Reh im Scheinwerferlicht, das Todesangst hat aber unfähig ist wegzulaufen.

Es gibt jedoch Erfahrungen, die so dauerhaft oder so häufig auftreten, dass das Kind in einer chronisch hohen Stresssituation (über-)leben muss. Da das autonome Nervensystem nicht dauerhaft nur sympathikoton aktiv sein kann, tritt ein innerer Kollaps ein. Der Parasympathikus übernimmt. Ein tiefes Aufgeben jeglicher Selbstbehauptungsimpulse, ein inneres Zusammenbrechen führt in eine Art Totstellreflex, dem Fawn. Dieser, auch Bambi-Reflex genannt, ist eine Form von chronischer Unterwerfung und Überanpassung.

Die Steigerung davon ist dann der shut down. Der Parasympathikus übernimmt komplett und bringt alles zum Erliegen. Dissoziation, funktionelle und sensorische Einschränkungen (Bewegungsunfähigkeit, phasenweise Taubheit, Sprachschwierigkeiten oder schlechtes Sehen, verminderte Schmerzwahrnehmung),  pseudoneurologische Symptome, emotionale Taubheit. In der Extremform führt dies zum Kollaps/Ohnmacht. Dies gehört definitiv in erfahrene therapeutische Hände.

Jeder hat in der Regel seine Lieblingsstrategie. Wenn diese erfolgslos erscheint, kann es sein, dass auf eine der anderen Strategien übergegangen wird. Vielleicht sind die Strategien auch unterschiedlich je nach Thema oder Erregungszustand.

Auf die ersten vier Traumafolgereaktionen gehe ich in gesonderten Beiträgen näher ein.

Ist Trauma und seine Folgen heilbar?

Schocktraumata (auch sekundär), die eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) nach sich ziehen, gehören in die Hände eines erfahrenen Trauma-Therapeuten. Als Coach sind hier die Möglichkeiten begrenzt.

Nicht so bei den Beziehungs- und transgenerationalen Traumata, die alle Menschen mehr oder weniger haben. Diese lassen sich sehr gut durch traumasensibles Coaching verändern. Und die beste Nachricht ist: wenn wir unser Trauma lösen, ersparen wir den nachfolgenden Generationen (unseren Kindern!), es weiter zu tragen. Spätestens diese Erkenntnis sollte Grund genug sein, sich damit auseinanderzusetzen. Denn bei den transgenerationalen Traumata braucht es eine Person in der Ahnenlinie, die das Spiel durchbricht. 

Ausgelöst wird die Traumafolgereaktion durch Trigger. Irgendetwas im Außen (eine Stimme/Geruch/das Verhalten der anderen etc.) erinnert dein System an damals. Du hast einen flashback (Gefühle, Körperreaktionen und Gedanken von „früher“ kommen hoch). Dein System greift automatisch auf die erlernte Reaktion zurück.

Die Lösung: im traumasensiblen Coaching schaffen wir einen Raum der Sicherheit, so dass dein Nervensystem sich langsam entspannen kann und dein Window of Tolerance sich vergrößert. Die einzige Funktion deines ANS (autonomen Nervensystems) ist Sicherheit zu erschaffen. Solange du das nicht alleine bewältigen kannst, braucht es Co-Regulation. 

Dein autonomes Nervensystem lernt so langsam wieder, sich selbst zu regulieren ohne auf alte Strategien zurückgreifen zu müssen. Das funktioniert durch Annehmen was früher war und deinen Körper mitzunehmen, denn die alte Erfahrung sitzt in deinen Zellen. 80% der Nervenfasern steigen vom Körper ins Gehirn auf, 20% steigen ab. Man kann sich also schlecht Emotionen „wegdenken“. Positiv denken ist sicher gut, aber effektiver ist es, den Körper mitzunehmen. Stück für Stück darf der Körper die Emotionen freisetzen (Release) und integrieren.

Und es braucht Geduld und Sanftheit. Dein System lebt seit Jahrzehnten mit den Strategien und den Traumata. Das kann nicht übernacht verschwinden.

Wenn du das Gefühl hast, dass eine der vier ersten Traumfolgereaktionen zu deinen Mustern gehört und diese dich in deiner Lebensqualität einschränken, dann lass uns reden.

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